Theodor BergmannProfessor Theodor Bergmann (Mitte) erweist sich als ein faszinierendes Phänomen. Foto: Wolfgang Künstle

30. Juli 2014

Der fast 100-jährige Theodor Bergmann hat in Lahr zum Thema "Krieg und Arbeiterbewegung – 1914 – 1939 – 2014" gesprochen.

Die andere Geschichte Deutschlands

LAHR. Professor Theodor Bergmann aus Stuttgart hat aus Anlass des 100. Jahrestags des Ersten Weltkriegs im Gasthaus zum Zarko zum Thema "Krieg und Arbeiterbewegung – 1914 – 1939 – 2014" gesprochen. Zu dem Vortrag hatte ihn die Ortsgruppe Lahr der Linken eingeladen.

Es gibt eine Geschichte Deutschlands, die lautet so: Vor langer Zeit war Deutschland sehr unruhig, nervös und aggressiv. Es nutzte eine gute Gelegenheit, mit fast allen seinen Nachbarn Krieg zu beginnen und verlor diesen Krieg. Danach aber mochte es sich nicht mit der Niederlage abfinden, war erst völlig verbittert, dann, als sich 1933 der richtige Rattenfänger fand, wieder unruhig und aggressiv. Wieder begann es einen Krieg, wieder verlor es und dann geschah das große Wunder: Auf einmal fand sich Deutschland bereit zur friedlichen Nachbarschaft, auf einmal boomte die Wirtschaft und alles wurde gut. Zu guter Letzt wurde es mit der Wiedervereinigung belohnt und lebt seither seinen Platz als Erster unter Gleichen, angesehen und geläutert.

Historiker nennen solche Geschichten, die wir und unsere Kinder in der Schule lernen, "Meistererzählungen". Es sind die großen Deutungsrahmen, die der Geschichte jenen Sinn geben, die sie für sich alleine nicht hat. Dabei fällt aber unter den Tisch, dass die wirkliche Geschichte unzählige Nebenstränge hat, Alternativen, Sackgassen und Seitenwege. Wer sich für so etwas interessiert, der hätte am vergangenen Freitag ins "Zarko" kommen sollen.

Theodor Bergmann ist gleich in zweierlei Hinsicht ein faszinierendes Phänomen: Biologisch, denn der 1916 geborene und damit fast 100 Jahre alte ehemalige Agrarwissenschaftler bewies in der Schwüle des Veranstaltungsraums nicht nur körperliche Fitness, sondern auch hellwache geistige Reflexe. Mehr aber noch in politischer Hinsicht: Bergmann, Sohn eines Berliner Rabbiners, gehörte Zeit seines (politischen) Lebens der radikalen Linken der deutschen Arbeiterbewegung an, saß hier aber fast genauso lange zwischen allen Stühlen. Als jüdischer Kommunist, als Antistalinist, als vehementer Kritiker der Kommunistischen Internationale Moskauer Prägung.

Bergmann gehörte zu jener Strömung des deutschen Kommunismus, die sich als Opposition zur KPD verstand und dabei bedeutende Intellektuelle wie Wolfgang Abendroth oder Hans Mayer geprägt hatte.

Jetzt aber kommt das große Leider: Leider kamen nur rund 20 Zuhörer zu dem Vortrag und leider sprach Theodor Bergmann in seinem Vortrag nicht über sein Leben im 20. Jahrhundert, sondern allgemein über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung aus linker Sicht. Damit hatte der große Mann viel verschenkt.

Natürlich, der Erste Weltkrieg und die Spaltung der Arbeiterbewegung, die Niederlage im Kampf gegen den Nationalsozialismus, der stalinistische Terror und die Isolierung der deutschen Kommunisten nach 1945: Das alles sind Themen, die die Genossen (aus ihnen bestand ein Gutteil des Publikums) heute noch interessieren. Aber auch Themen, die sehr breit nachgelesen werden können.

Sackgassen und Seitenwege kamen zu kurz

Dass Theodor Bergmann in der Diskussion so manche These seiner jungen Genossen zurechtrückte und die Fehler der radikalen Linke im 20. Jahrhundert betonte, zeigte zwar, dass hier durchaus Diskussionsbedarf bestand. Aber das eigentlich Faszinierende, wie denn ein Leben auf diesem Seitenweg der deutschen Geschichte verläuft, kam erst in der abschließenden Diskussion ein wenig zur Sprache. Hier wurde die andere Geschichte Deutschlands im Zeitalter der Extreme – präsentiert von einem fast einhundertjährigen Zeitzeugen – auf einmal auf eine Art anschaulich, die einem die Sauerstoffnot im Hinterzimmer der Gaststätte vergessen ließ. Das Exil in Palästina und Schweden, die illegale Widerstandsarbeit, die Tätigkeit als marxistischer Hochschullehrer – diese Facetten der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts werden heute schnell vergessen, bestimmten aber den Lauf der Geschichte der letzten einhundert Jahre mit.

Man muss nicht der von Bergmann präsentierten linken Meistererzählung des ewigen Kampfes der deutschen Arbeiterklasse gegen eine macht- und ressourcenhungrige Bourgeoisie (vom Ersten Weltkrieg bis hin zu Afghanistan heute) folgen, um dennoch zu sehen, dass hier ein Fenster geöffnet wurde zu einem geschichtlichen Strang, der genauso ins 20. Jahrhundert gehört, wie die Erzählung von der letztlich erfolgreichen Demokratisierung Deutschlands.

Bleibt also das Fazit: Ein faszinierender Abend mit einem außergewöhnlichen Menschen, aber etwas unter Wert und den Möglichkeiten verkauft.

Der Autor ist Stadthistoriker in Lahr.

Autor: Thorsten Mietzner

Krieg und Arbeiterbewegung – 1914 – 1939 – 2014

Linke Liste Lahr

2. Legislaturperiode

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Zusätzliche Verweise zum Thema


Bericht über die Veranstaltung mit Theodor Bergmann in der BZ

Lukas Oßwald
Sonja Rehm